Meine Freundin Solí.

„Ich stelle euch eure neue Klassenkameradin vor, Solange Duchamps.“ Neben dem Lehrer stand ein schmales blondes Mädchen, dem es sichtlich unangenehm war, von so vielen Kindern kritisch beäugt zu werden. Als der Lehrer ihren Namen an die Tafel schrieb, war es ganz aus. Wie heißt die?! So-lange? Die Klasse johlte. „Ruhe!“ Der Lehrer erklärte, der Name sei französisch, führte Solange zu ihrem Platz neben mir und fragte sie: „Wie nennen dich deine Eltern?“ Sie lächelte ihn dankbar an und sagte leise: „Solí; so sagen alle zu mir.“
Wir freundeten uns an und verbrachten viele Nachmittage zusammen. Sehr vorteilhaft war, dass ich meine kleinen Geschwister mitnehmen konnte, die ich nach den Hausaufgaben zu betreuen hatte. Solís Mama hatte auf der anderen Seite der Hauptstraße ein Café eröffnet, das auch eine schöne Terrasse hatte. Nachmittags saßen dort ältere Damen aus der Umgebung bei Kaffee und Kuchen, manchmal auch einem Gläschen Eierlikör oder Persico. Die Bedienungen trugen wadenlange, schwarze Röcke und hochgeschlossene Blusen, dazu weiße Spitzenschürzchen und -häubchen. Das Bild wandelte sich am Abend. Dann verlegte sich das Geschehen komplett nach innen und die ‚Demoiselles‘, wie die Bedienungen jetzt genannt wurden, trugen hochgeschlitzte Röcke und tief ausgeschnittene Blusen. Schürzchen und Häubchen blieben. Die Gäste waren dann hauptsächlich Männer, alle im feinen Anzug mit Krawatte; Frauen waren nur selten zu sehen. Auf der Speisekarte standen Bier, Wein, Cognac und Sekt, französische Spezialitäten wie Croque Monsieur, kleine Filets mit Champignons oder Schnecken mit Knoblauchsoße. Die roch sehr merkwürdig und ich wollte sie lieber nicht probieren. Und was es nur am Abend gab: Séparés. Die äußeren Tische des Lokals verschwanden dann hinter Vorhängen, damit man nicht sehen konnte, wer da drin war. Bestellt wurde per Telefon; in jedem Séparé stand ein weißer Apparat mit goldener Wählscheibe; sehr beeindruckend.

Wir Kinder liefen manchmal bis zum Abend durch Haus und Gaststube (nur die Séparés waren tabu), niemand störte sich an uns. In der Küche bekamen wir immer etwas zu essen. Wenn nur wenige Gäste da waren, spielten die Demoiselles mit meinen kleinen Geschwistern und verwöhnten sie, was mir sehr recht war. Die Atmosphäre in diesem Haus war immer ausgesprochen heiter, es wurde sehr viel gelacht und es gab immer Musik, aus dem Radio oder von Schallplatten. Mitunter vergaßen wir beim Spielen die Zeit und gingen erst nach Hause, wenn es schon fast dunkel war. Dann gab Vorhaltungen von unserer Mama, auch, weil wir keinen Appetit mehr aufs Abendessen hatten, denn wir hatten ja den ganzen Nachmittag über gefuttert. Eines Abends tobte ein heftiges Gewitter und Frau Duchamps brachte uns mit dem Auto nach Hause; schließlich sollten wir uns bei diesem Wetter ja nicht den Tod holen. Meine Mutter war wieder einmal außer sich und fand die Angelegenheit außerordentlich peinlich! Sie kannte Frau Duchamps nur vom Sehen und war, wie alle Frauen im Dorf, neidisch auf ihren französischen Chic. Man sah sie auf der Straße nur im Kostüm und mit hochhackigen Pumps. Außerdem trug sie Strümpfe mit Naht und immer roten Lippenstift und Nagellack. Sie wäre sicher niemals in Kittelschürze und Hauspantoffeln in Herrn Schneiders Kolonialwarengeschäft erschienen!
Leider endete die schöne Zeit bald darauf. Solís Vater wurde versetzt, die Familie zog um nach Saarbrücken und das Café war geschlossen. Solí und ich waren sehr traurig, schrieben uns danach noch eine Zeit lang Briefe, doch irgendwann brach der Kontakt ganz ab.

Einen Coup landete ich noch. Ab und zu ging mein Vater am Sonntag nach der Kirche zum Frühschoppen in die Wirtschaft ‚Zum Stern‘ und manchmal nahm er mich mit. Ich bekam dann ein Glas Apfelsaft und sollte still sitzen, was mir nicht so leicht fiel. Eines Tages drehte sich das Gespräch um das nun verwaiste Café von Solís Mutter. Eine dicke Frau am Tisch verlangte empört schnaufend, das ganze Haus müsse abgerissen werden, denn es sei ein Sündenbabel. Was man da so alles gehört hatte! Sie sei ja nie dort gewesen, auch ihr Mann nicht, aber es solle wohl ‚recht französisch‘ zugegangen sein. Da musste ich natürlich eingreifen und klärte die Tischgesellschaft auf: „Das stimmt gar nicht, das war ein ganz normales Gasthaus. Und außerdem war Ihr Mann öfter da, ich habe ihn gesehen; und den Herrn Schäfer und den Herrn Müller auch.“ Es war plötzlich ganz still am Tisch, niemand sagte etwas, alle sahen mich an. Was war denn jetzt los? Mir war sehr unbehaglich. Wir sind dann ziemlich schnell nach Hause aufgebrochen und mein Vater wollte an den folgenden Sonntagen nicht mehr zum Frühschoppen gehen. Er war mir aber nicht böse; insgeheim fand er mein beherztes Eingreifen wohl eher amüsant.

 

 

 

Schöne Kinderzeit, an die man sich gern erinnert!  

 

 

 

 

Autor: Christiane