Die arme Frau Konrad

Herr und Frau Konrad wohnten im Nachbarhaus. Sie hatten keine Kinder und lebten sehr zurückgezogen. Ihn sah man nur am frühen Morgen mit einem Aktenkoffer in der Hand in seinen großen Opel steigen; nach Hause kam er immer sehr spät. Frau Konrad hielt sich meist im Haus auf, mit Lockenwicklern auf dem Kopf; sie beteiligte sich so gut wie nie am Schwatz der Nachbarinnen. Wenn sie das Haus verließ, ging sie immer sehr eilig und hielt sich nirgends auf.
Eines Nachmittags geschah etwas Schreckliches. Aus dem Haus der Konrads hörte man lautes Geschrei und Weinen. „Aber Benno, du kannst doch nicht einfach so weggehen!“, schrie Frau Konrad. Sie lief hinter ihrem Mann her, der eilig das Haus verließ, mit zwei Koffern, die er in sein Auto packte. Dann ließ er den Motor an und fuhr rückwärts aus dem Hof; fast hätte er den Postboten gestreift, der gerade noch rechtzeitig beiseite sprang. Frau Konrad hockte auf der Treppe vor ihrer Haustür und weinte herzzerreißend. Die ganze Nachbarschaft hatte das Drama verfolgt. Aber niemand ging zu Frau Konrad hin, um sie zu trösten, alle verschwanden eilig in ihren Häusern. Ich war ziemlich entsetzt. „Warum ist Herr Konrad denn weggegangen?“, fragte ich meine Mutter. Sie zuckte nur die Schultern und meinte: „Er wird seine Gründe gehabt haben. Außerdem geht uns das nichts an.“ „Aber vielleicht kann man ihr doch helfen?“, versuchte ich es noch einmal. „Nein, es geht uns nichts an; und es ist nichts für Kinder.“ Aber sie ermahnte mich noch in strengem Ton: „Du wirst Frau Konrad weiter freundlich grüßen!“ Natürlich, dachte ich, was denn sonst? Auch abends hörte man sie noch weinen; sie tat mir so unendlich Leid. Also pflückte ich am nächsten Tag auf dem Heimweg von der Schule einen kleinen Blumenstrauß, Margeriten, Hahnenfuß und blaue Taubnesseln, und schenkte ihn Frau Konrad. „Ach, wie reizend von dir, vielen Dank!“, sagte sie überrascht. Sie sah wirklich blass aus, richtig krank! Ich hatte allerdings nicht bedacht, dass Frau Konrad meiner Mutter von dem Geschenk berichten würde. Also gab es wieder eine Standpauke: „Kinder haben sich nicht in Angelegenheiten der Erwachsenen einzumischen! Merk dir das! Es reicht, wenn man freundlich grüßt.“
Dabei wäre es doch viel einfacher, wenn die Eltern ihren Kindern erklärten, was da geschehen ist; ganz sachlich, nur die Fakten. Man wüsste Bescheid, müsste sich keine wilden Theorien ausdenken und hätte keine bösen Träume.
Einige Zeit später wurde Frau Konrad jeden Sonntagnachmittag von einem anderen Mann abgeholt und abends wieder nach Hause gebracht. Der hatte auch ein großes Auto, einen Borgward. Die Nachbarschaft tuschelte; aber es war ja nichts für Kinder, ich bekam also nichts mit, egal, wie weit ich meine Ohren auch aufsperrte und wie listig ich versuchte, mich in die Nähe der Tratschenden zu schleichen.
Dann war Herr Konrad eines Tages wieder da! Er hatte sich mit seiner Frau auf einem Silvesterball wieder versöhnt. Der Mann mit dem Borgward kam sonntags nicht mehr. Die Nachbarinnen waren enttäuscht, weil sie nun keinen Gesprächsstoff mehr hatten. Leider hielt dieser Zustand nicht lange an. Bald wurde getuschelt, Herr Konrad sei wieder ‚aushäusig‘; irgendwer hatte ihn mit einer anderen Frau in einer Bar gesehen. („Mama, was ist das, eine Bar?“ — „Das ist nichts für Kinder!“)
Frau Konrad resignierte dann wohl; sie begann zu trinken. Eines Tages, als ich aus der Schule kam, war die Straße voll von Polizeiautos und Rettungswagen. Ich sah, dass Frau Konrad auf einer Bahre von zwei Sanitätern aus ihrem Haus getragen und in einen der Rettungswagen geschoben wurde. Ich war ganz furchtbar erschrocken und rannte weinend nach Hause. „Sie ist betrunken die Treppe hinabgestürzt und war wohl sofort tot“, teilte mir meine Mutter lapidar mit und meinte kryptisch: „Man kann seinem Schicksal nicht entgehen!“ Was das wohl bedeuten sollte? Ich schlief wieder einmal schlecht und träumte ein wildes Durcheinander.
Herr Konrad wurde nicht mehr gesehen. Er verkaufte das Haus und zog in eine andere Stadt.

 

 

Nächste Woche mehr? Dann viel Spaß beim Lesen und bis dann!

 

 

Autor: Christiane