Was ein Kinderwagen alles aushält

Im Dorf gab es den Kolonialwarenladen von Herrn Schneider, meine Mutter bevorzugte aber ein Geschäft an der Peripherie von Ravensburg. Das Einkaufen war meist meine Aufgabe. Versehen mit ausreichend Geld und einer langen Liste, machte ich mich mit dem Kinderwagen auf den Weg. Vielleicht erinnern Sie sich ja auch noch an so ein Modell? Im Wagen lag mein kleiner Bruder, obenauf saß meine kleine Schwester. Die Einkäufe transportierte ich dann in einem Korb, der über den Achsen befestigt war und einem Netz, das am Lenker hing; da kam ganz schön Gewicht zusammen. Für den Heimweg wählte ich daher die glatt asphaltierten Fußwege eines neuen Stadtviertels. Der einzige Nachteil dabei war, dass ich mit dem voll beladenen Wagen an Herrn Schneiders Geschäft vorbei musste. Und genau dort geschah eines Tages das Unglück: Eine Achse des Kinderwagens brach unter der Last, ein Rad machte sich selbstständig und sauste die abschüssige Straße hinunter. Ich dachte, jetzt muss ich sterben, aber soweit war es noch nicht. Also stellte ich meine Schwester auf die Beine und schärfte ihr ein, sich nicht von der Stelle zu rühren. Dann raste ich los, hinter dem abtrünnigen Rad her. Fast am Ende der Straße, vor der Motorradwerkstatt von Herrn Arnau, stieß es auf einen Stein un kippte um. Ich schnappte das Rad und raste wieder zurück. Schon von weitem hörte ich meine Geschwister aus Leibeskräften im Duett brüllen. Aber was noch viel schlimmer war: Herr Schneider stand in seinem blütenweißen Arbeitsmantel neben dem Kinderwagen und begutachtete kopfschüttelnd meine Einkäufe. Ich war vollkommen erledigt und bekam kaum noch Luft. Hektisch versuchte ich, das Rad wieder auf die Achse zu stecken, was natürlich kläglich misslang. „Das geht so nicht“, stellte Herr Schneider fachmännisch fest. „Die Achse muss geschweißt werden; der Herr Arnau macht dir das.“ Ich geriet immer mehr in Panik. Wie sollte ich nun Einkauf, Kinder und Kinderwagen nach Hause schaffen?! Herr Schneider half. Er gab meiner Schwester einen Lutscher, womit er ihr sofort den Ton abstellte, was meinen Bruder gleich mit beruhigte. Dann fuhr Herr Schneider seinen VW-Pickup auf die Straße, drückte mir das Baby in den Arm, hievte den Wagen samt allen Lasten auf die Ladefläche und uns alle drei ins Fahrerhaus. Er lenkte den Wagen die Straße hinauf und hielt vor unserem Haus, wo er wieder ablud. Meine Mutter war außer sich und begann sofort, mit mir zu schimpfen. Aber Herr Schneider half wieder. „Sie können die Kleine doch nicht so schwere Lasten schieben lassen, sie ist ja ganz erschöpft!“, sagte er vorwurfsvoll zu ihr. „Außerdem bekommen Sie alles, was das Mädle in der Stadt eingekauft hat, auch bei mir; zum gleichen Preis und in gleicher Qualität! Der Kinderwagen ist übrigens hin, die Achse muss geschweißt werden. Aber Sie machen dem Kind keine Vorwürfe, versprechen Sie mir das!“ Dieser letzte Satz klang ziemlich streng. Damit stieg Herr Schneider wieder in sein Auto und fuhr ab.
Herr Arnau war ein großer, dicker Mann mit Glatze, trug immer eine ölverschmierte Latzhose über einem löcherigen Unterhemd und hatte immer gute Laune. Nun begutachtete er die gebrochene Achse und das lose Rad, brummte vor sich hin und meinte dann schmunzelnd: „Ich hab dich schon gesehen, wie du das Rad eingefangen hast. Die Achs’ kann man nicht mehr reparieren, ich muss eine neue einsetzen. Hast du ein Elefantenbaby spazieren gefahren? — Du kannst den Wagen morgen abholen; kostet drei Mark!“
Dass wir dann immer bei Herrn Schneider einkauften, brachte mir mehrere Vorteile: Nicht mehr so lange Wege, deutlich kürzere Einkaufslisten, und ich musste meine Geschwister nicht mitnehmen. Vor allem aber: Die Bonbons, die ich geschenkt bekam, behielt ich alle für mich.

 

 

Nächste Woche mehr? Ich erzähle dann von einer Begebenheit aus der Nachbarschaft.

Bis dann!

 

 

Autor: Christiane