In der Schule

Endlich war es soweit — der erste Schultag! Die Schultüte war gefüllt mit vielen Süßigkeiten, die es sonst nur zum Geburtstag gab. Mein Schulranzen war aus strapazierfähigem, braunen Leder mit zwei dicken Metallschnallen. Darin klapperten eine Schiefertafel mit Schwamm, eine Griffelschachtel, ein Lesebuch und ein Rechenbuch.
Zum ersten Mal hörte ich den Begriff ‚Ernst des Lebens‘. Der begann damit, dass man stillsitzen und der Lehrerin zuhören musste. Man durfte nicht einfach etwas sagen, sondern musste mit dem Finger aufzeigen und warten, bis man aufgerufen wurde. Sehr schwierig, wo ich doch immer alles sofort wissen wollte! Außerdem durfte man während des Unterrrichts nicht in sein Pausenbrot beißen.
Das Schreiben auf der Schiefertafel gestaltete sich äußerst schwierig. Man musste die Buchstaben genau auf und zwischen die vorgegebenen Zeilen setzen, zum Beispiel mit schönen, runden Schleifen nach oben beim ‚b‘ und nach unten beim ‚g‘; nahezu unmöglich! Viel wahrscheinlicher war es, dass der Griffel auf der Tafel ein hässlich quietschendes Geräusch hervorbrachte oder schlicht und einfach abbrach. Ich fand die ganze Prozedur mehr als lästig, konnte ich doch schon einigermaßen lesen und auch schreiben, aber eben nur Druckbuchstaben; die waren aber nicht erlaubt. Durch meine ganze Schulzeit sollte mich die Ermahnung ‚Schrift!‘ am Ende von Haus- und Schulaufgaben begleiten.
Im Grunde genommen ging ich gern zur Schule. Es gab jeden Tag etwas Neues zu lernen. Besonders das Fach Heimatkunde fand ich spannend. Wir lernten anhand riesiger Landkarten die Umgebung kennen, erfuhren von vielen Städten und ihrer Bedeutung. Von Burgen, die auf der Karte mit Fähnchen markiert waren, und den Rittern, die dort gelebt und sich gegenseitig befehdet hatten. Auch die Naturkunde war faszinierend. Oft gingen wir in den Wald, um Tiere, Bäume und Pflanzen kennenzulernen, nachzuvollziehen, wie alles voneinander abhängig ist und den Kreislauf der Jahreszeiten zu verstehen.

In der Schule gab es ein Lesezimmer, dass mich magisch anzog. Dort befand sich die Schulbibliothek; Bücher über Bücher, alle mit Nummern auf dem Rücken, geordnet nach Schulklassen. Jeden Donnerstag durfte man sich nach dem Unterricht ein Buch für eine Woche ausleihen. Da ich schon ganz gut lesen konnte, fand ich die Bilderbücher für die Erstklässler natürlich langweilig und konzentrierte mich sofort auf den Schrank der zweiten und später der dritten Klasse. Man musste sich nur mit Namen und Buchnummer in die entsprechende Liste eintragen. Die Sache mit dem Datum verstand ich noch nicht so ganz, daher schrieb ich anfangs einfach die Ziffern der darüberliegenden Zeile ab. Niemand merkte etwas. So fuhr ich während der folgenden Schuljahre fort und las immer Bücher, die für eine oder zwei Klassen höher gedacht waren. Erst, als ich mich für die Lektüre der Sechstklässler interessierte, flog ich auf. Dieser Schrank stand in einem anderen Raum und die Lehrerin, die dort die Aufsicht führte, entlarvte mich sofort als ‚Kleine‘ und schickte mich weg. ‚Das ist noch nichts für dich!‘, erklärte sie mir.

Bis auf ein paar kleine Widrigkeiten, fand ich meine Schulzeit insgesamt schön.

 

Nächste Woche mehr? Dann erzähle ich von einem Kinderwagen. 

 

 

 

Autor: Christiane