Kinderspiele

Bevor die Schulzeit für uns begann, stromerten wir Kinder den ganzen Tag durchs Dorf, ohne dass sich die Eltern Gedanken gemacht hätten, wo ihre Kinder wohl waren. Wer nicht pünktlich nach Hause kam, erhielt gelegentlich ein paar hinten drauf oder durfte am nächsten Tag nicht ‚auf die Gass‘.
Wir bauten aus Zweigen und Ästen Wehre im Wiesenbächle und versuchten, kleine Fische mit der Hand zu fangen, was nur selten glückte. Häufiger geschah es, dass eines von uns Kindern ausrutschte und im Wasser landete. Die Folge war dann manchmal ein böser Schnupfen. Gelegentlich vergaßen wir, das Wehr wieder abzubauen und verursachten dadurch eine Überschwemmung der Wiese, sehr zum Ärger des Bauern. Es war dann in den nächsten Tagen ratsam, das Bächle zu meiden. Wir sahen auf den Bauernhöfen in die Ställe, streichelten Kälbchen und Ziegen, scheuchten die Hühner, bedienten uns in den Gärten ausgiebig an Johannisbeeren und Stachelbeeren, bis wir von der keifenden Bäuerin vertrieben wurden. Wo immer wir gerade spielten, bekamen wir von den Müttern ein Wurst- oder Käsebrot und Marmeladenlimo. Kennen Sie nicht? Einfach Wasser ins Glas, einen Löffel Erdbeermarmelade rein und kräftig umrühren. Schmeckte viel besser als echte Limonade, vor allem, wenn noch Erdbeerstückchen darin schwammen!
Neben unserem Haus lag eine verwilderte Wiese, die zu einem Bauernhof am anderen Ende der Straße gehörte; wir spielten dort gern. Genau auf der Ecke der Wiese stand ein großer Quittenbaum, der für uns Kinder Klettergerüst, Versteck und Indianerwigwam war. Essen konnte man die Quitten ja leider nicht. Aber natürlich durften wir uns auch hier nicht erwischen lassen. Wenn jemand die Bäuerin kommen sah — meist war ihr Schimpfen schon von Weitem zu hören und sie war dann ganz außer Atem, wenn sie den Baum erreichte — rutschten alle in Windeseile den Stamm hinunter und liefen davon. Da ich die Kleinste war, bekam ich Kletter- und Abstiegshilfe von den anderen Kindern. Einmal ging das schief. Wir spielten Indianer und ich saß ganz oben im Baum, weil ich die jüngere Indianertochter war und die Kinder hüten musste; zwei Puppen und einen Teddybär. Da kam die Bäuerin angelaufen. Alle rutschten den Stamm hinunter und rannten weg, nur ich saß noch mutterseelenallein im Baum. Sicherheitshalber verhielt ich mich ganz still und blieb unentdeckt. Als die Bäuerin wieder gegangen war, versuchte ich allein den Abstieg; von den anderen Kindern war keines zu sehen, das mir eventuell hätte helfen können. Also band ich zuerst Puppen und Teddybär sorgsam in das Tuch, das ihnen als Decke gedient hatte, dann kletterte ich vorsichtig abwärts, von Ast zu Ast, mit den ‚Kindern’ im Arm, immer darauf bedacht, sie nicht fallen zu lassen und selbst nicht abzustürzen. Als ich dann glücklich in der untersten Astgabel angekommen war und mich anschickte, den Stamm hinunter zu rutschen, wurde ich von zwei starken Armen aufgefangen. „Ich wusste ja gar nicht, dass wir eine Kletterkatze haben?“, lachte mein Vater und stellte mich auf die Beine. Ich war natürlich sehr erschrocken und rechnete mit einem Donnerwetter, aber er schimpfte nicht. Er nahm mich bei der Hand und wir gingen nach Hause.

 

Nächste Woche mehr? Ich erzähle ein bisschen aus der Schulzeit.

 

 

 

 

Autor: Christiane