Oberschwäbisch

Der oberschwäbische Dialekt hatte es in sich, vor allem, wenn man noch nie mit Mundart irgendwelcher Prägung in Kontakt gekommen war. Bei uns zu Hause wurde hochdeutsch gesprochen. Ich hatte es ja hauptsächlich mit den Kindern zu tun und kam bald ganz gut zurecht. Wenn ich mal wieder gar nichts verstanden hatte, halfen sie mir immer gern auf die Sprünge. Spielen im Hof unseres Hauses oder bei den Nachbarskindern hieß, wir waren ‚auf der Gass‘. Die Kinder mussten nach Hause gehen, wenn es dämmerte; man sagte aber ‚wenn die Kerzen angezündet werden’, obwohl es ja längst überall elektrisches Licht gab. Und ich verinnerlichte schon bald die doppelte Verneinung: Man sagte nicht einfach ‚nein!‘, sondern ‚noi, ite!‘ Junge Männer machten nicht den Führerschein, sondern sie lernten ,s’Chauffiere‘. ‚Des isch a Guggel!’ hieß ‚Das ist eine Tüte!‘ Wenn etwas knapp ausgegangen war, sagte man nicht ‚Das war knapp!‘, sondern ‚Des isch päb gwea!‘ An dieses allgegenwärtige ‚sch’ an Stelle von ‚st’ oder ‚s’ und die Sprachmelodie an sich musste man sich erst einmal gewöhnen. Vieles klang irgendwie vorwurfsvoll, war aber ganz und gar nicht so gemeint.

Meine Mutter dagegen tat sich häufig schwer, bei ihren Gesprächen mit den Nachbarinnen alles richtig zu verstehen. Nur mein Vater hatte gar keine Sprachprobleme; er war geborener Schwabe und neckte und oft, wenn wir verständnislos guckten oder etwas ganz falsch ausgesprochen hatten.

Für mein späteres Leben war diese Spracherfahrung sehr hilfreich. Sie hat mir die Sinne geschärft für die Eigenheiten regionaler Dialekte und mich gelehrt, dass mundartliche Begriffe ihre Bedeutung oft sehr viel intensiver erfahrbar machen als es die Hochsprache vermag.

 

 

Nächste Woche mehr? Dann geht es darum, was und wie Kinder damals gespielt haben.

 

 

 

Autor: Christiane