Eine neue Welt

Alle erzählen von ihrer Kindheit; ich mache das auch. Aber keine Angst: Ich werde keine Biographie verfassen, sondern nur über ein paar kleine Erlebnisse berichten, die mir in Erinnerung geblieben sind, in sehr subjektiver Erinnerung übrigens.

Der allerweißeste Schnee und der allerblaueste Himmel, den ich je gesehen hatte! Der Zug fuhr zischend und pfeifend in den Bahnhof von Ravensburg ein. Mein Vater stieg aus und wandte sich um, damit er mich von dem hohen Trittbrett herunterheben konnte. Aber ich sprang an ihm vorbei, direkt hinein in einen aufgetürmten Schneehaufen, der fast so hoch war wie ich selbst. Wie der Schnee knirschte! Und wie er sich anfühlte! Er war so trocken, dass er auf dem Handschuh haften blieb, wenn man ihn abreiben wollte, und den Handschuh nicht durchweichte. Die Luft war kalt und klar; das kannte ich nicht; man konnte sie richtig tief einatmen, und es fühlte sich so gut an und die Atemwolken waren auch weiß! Sogar der Rauch der Dampflokomotive roch hier anders als in Essen. Wir kamen aus dem Ruhrgebiet, wo der Himmel damals wegen der starken, ungefilterten Industrieemissionen immer von einem leichten Grauschleier überzogen und der Schnee matschig und nass war und schwarze Punkte hatte; ich durfte ihn nicht anfassen. Ich war erst vier Jahre alt, aber diese Eindrücke sind mir immer noch sehr gegenwärtig.
Es war Anfang der fünfziger Jahre. Überall konnte man noch Kriegsruinen sehen; die Stadt war schwer getroffen worden. In dem kleinen Dorf vor den Toren von Ravensburg, in dem mein Vater, meine Mutter und ich eine Wohnung in einem neu errichteten Haus bezogen, gab es jedoch kaum Spuren. Das Haus war damals das einzige in der Umgebung, das drei Etagen hatte; sonst waren die Häuser niedrig mit spitzen Giebeln und jedes Haus hatte einen Garten. Es gab im Ort auch noch viele kleine Bauernhöfe. Später wurden natürlich noch etliche höherer Häuser gebaut, hauptsächlich am Ortsrand. Es zogen dort viele Familien aus anderen Gegenden ein, das Dorf wuchs beträchtlich.
Mein Vater arbeitete für eine große Baufirma und war während der Woche meist unterwegs; ich war mit Mama allein. Er kam immer am Wochenende nach Hause und wollte sich ausruhen, also musste ich leise sein. Sonntags gingen wir dann spazieren und Kaffee trinken oder Eis essen. Ich liebte diese Ausflüge nicht sonderlich — bis auf das Eis natürlich, denn ich musste brav zwischen Mama und Papa an der Hand gehen und durfte nicht herumrennen. Das Sonntagskleid sollte möglichst nicht schmutzig werden. Außerdem konnte ich nie verstehen, worüber sie sprachen; wenn ich fragte, hieß es nur immer: „Das ist nichts für Kinder!“
Wir wohnten im Parterre, ganz oben wohnte Familie Braun. Ihr Sohn Günter war ein Jahr älter als ich, ein dicker, etwas kurzatmiger blonder Junge, der eigentlich immer kaute; ein Wurstbrot, ein Stück Hefekuchen, manchmal einen Apfel. Wenn er Nachschub brauchte, rief er nach seiner Mama, die ihn dann umgehend versorgte. Wir spielten viel zusammen; er war aber nur friedlich, solange er nicht schnell rennen musste.
Familie Gerber im ersten Stock hatte zwei Söhne von acht und zehn Jahren, Ralf und Florian, und eine kleine Tochter, Susanne, die gerade laufen lernte. Bei Gerbers gab es keinen Vater, dafür eine sehr resolute Oma. Frau Gerber war geschieden und arbeitete im Büro der französischen Truppen in Friedrichshafen. Sie wurde jeden Morgen von einem Soldaten mit einem großen Auto abgeholt und gegen Abend wieder zu Hause abgesetzt, immer unter strenger Beobachtung durch die gesamte Nachbarschaft. Das Auto war ein Peugeot — Pö-Schoo —, wie Frau Gerbers Mutter jedem erklärte, der das nicht richtig aussprechen konnte. Eine weitere Besonderheit, die auch mit großer Skepsis registriert wurde, war, dass Frau Gerber hochhackige Pumps und roten Lippenstift trug und blond war; nicht etwa naturblond, sondern blondiert. Dieser Begriff war damals wohl noch nicht gebräuchlich, denn es wurde von ihr immer als von der ‚Kunscht-Blonden‘ gesprochen.

 

 

Nächste Woche mehr? Dann geht es um gewisse Spracheigenheiten …

 

 

Autor: Christiane