Der Nikolaus kommt!

Früher hatte der Nikolaus immer eine bunt gefüllte Tüte vor die Tür gestellt; in diesem Jahr sollte er tatsächlich höchstpersönlich zu uns kommen! Ich war ziemlich aufgeregt und erwartete einen Bischof in goldenen Gewändern, der uns wunderbare Geschenke brachte. Von meinen Klassenkameraden hatte ich schon viel gehört, auch, dass manchmal ein Angst einflößender Knecht Ruprecht dabei war, der mit Ketten rasselte und mit seiner Rute herumfuchtelte. Meine kleinen Geschwister nahmen die Sache gelassen, sie wussten ja noch nicht, was da auf sie zu kam.
Dann war es endlich soweit: Ein Glöckchen bimmelte vor der Tür, meine Mutter öffnete. Herein schritt gewichtig der Nikolaus und fragte, was er fragen musste: „Wart ihr auch immer brav?“ Wir saßen alle drei auf dem Sofa, ich in der Mitte, meine Geschwister rechts und links von mir, und sagten natürlich voller Überzeugung Ja, was denn sonst? Anschließend las er aus einem dicken, roten Buch alles Mögliche vom Himmel und vom Christkind vor und ermahnte mich, in der Schule immer fleißig zu lernen. Nach jedem Satz machte er: ‚Chzchrr‘. Ich war skeptisch. Während er erläuterte, was Kinder alles müssen und was sie alles nicht dürfen, unterzog ich den Nikolaus selbst einer eingehenden Prüfung. Er erschien mir nicht recht geheuer. Von wegen ein Bischof in goldenen Gewändern! Die derben, knarrenden Stiefel mit dem gelben Rand an der Sohle, die er trug, kamen mir irgendwie bekannt vor. Auch das weite, dunkelblaue Cape um seine Schultern wirkte vertraut, vor allem der leichte Duft nach Mottenkugeln, den es verströmte. Der Umhang war mit Wattebäuschchen besteckt, verschiedentlich konnte man die Sicherheitsnadeln sehen. War das etwa Herr Bucher, unser Postbote? Auf dem Kopf trug dieser Nikolaus eine rote Wollmütze mit dicken Watterändern und ein noch dickerer Wattebart verbarg sein Gesicht fast völlig. Und dieses ‚Chzchrr’ nach jedem Satz! Das  w a r  unser Postbote! So etwas!
Dann verteilte er die bunten Tüten, die er aus einem groben Jutesack mit Aufdruck ‚Deutsche Reichspost’ zog. Ich stellte überrascht fest, dass das genau die Tüten waren, die ich nachmittags ganz unten in unserem Küchenschrank gesehen hatte, daneben hatte noch eine Flasche Cognac gestanden. Der Inhalt der Tüten bestand aus den Plätzchen, die meine Mutter am Vortag gebacken hatte und den Apfelsinen, die auf meinem Einkaufszettel gestanden hatten, einer Handvoll Nüsse, einer kleinen Tafel Schokolade und ein paar Bonbons. Mich so hinters Licht zu führen! Ich war enttäuscht und empört und schwor, nie mehr an einen Nikolaus zu glauben, wirklich nie mehr!
Der Cognac war übrigens verschwunden.

Das war nun die letzte meiner Kindergeschichten. Ich hoffe, alle hatten Spaß beim Lesen und freuen sich auf ihren Nikolaus. 

 

 

 

Autor: Christiane