Angels‘ Share im Badezimmer?

 

Wir erinnern uns an diese Whiskey-Werbung aus Tennessee: Vor einer windschiefen Bretterbude ruhen einige knorrige Männer mit wettergegerbten Gesichtern und leicht verschlissenen Hüten auf dem Kopf sehr relaxed in alten Liegestühlen und warten geduldig darauf, dass der Whiskey, der sich in einem ebenfalls alten Holzfass befindet, reif wird. Aus dem andächtig-gelassenen Gesichtsausdruck der Männer kann man erahnen, wie sie mit ihrem inneren Auge den Angels’ Share verfolgen, der sanft aus dem Fass entweicht und damit dem kostbaren Inhalt langsam zu seiner ersehnten Qualität verhilft.

In unserem Badezimmer, bei vielen unserer Kosmetikartikel in Flakons und Tuben, ist es umgekehrt: Der Angels’ Share bleibt drin, eisern, und lässt sich durch ‚Auf-den-Kopf-stellen‘, Schütteln, Quetschen oder Klopfen nur sehr widerwillig und auf keinen Fall vollständig herauslocken. Das gilt für preisgünstige wie hochpreisige Produkte gleichermaßen. Dabei haben wir alles bezahlt, was da drin ist, auch das, was sich der pflegenden Anwendung verweigern will und ganz sicher nichts an Qualität eingebüßt hat.
Was machen wir also? Wir greifen zur Gewalt! Tuben werden aufgeschnitten, um an die kostbaren Produktreste zu kommen, ebenso Flakons aus Kunststoffmaterial, sofern das Material nicht zu kompakt ist. (Bei Glasbehältern geht das natürlich nicht!) Was wir dann noch retten, wird in kleine Döschen gefüllt und mit Genugtuung verbraucht, bevor wir zur Nachschubbeschaffung schreiten.

Könnten uns die Hersteller solche martialischen Aktionen ersparen? Ja! Man könnte vielleicht die Innenseiten der Behältnisse so glatt gestalten, dass nichts vom Produkt hängenbleiben kann (Nano-Technologie?). Und man könnte die Form so weit konisch machen, dass innen keine ‚Schultern‘ entstehen, die das Produkt seitlich am Auslass sammeln und so das Herausfließen verhindern.
Angeblich wird ja an derartigen Lösungsmöglichkeiten schon gearbeitet, allerdings inspiriert von der Entsorgungs- und Recycling-Industrie, die sich durch innen saubere Behälter Einsparungen bei der Reinigung der wieder aufzubereitenden Materialien verspricht.
Ich befürchte, es kann noch lange dauern, bis wir alle von solchen Neuerungen profitieren können. Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig — wir holen uns den Angels’ Share mit Gewalt!
Obwohl — es geht auch jetzt schon anders. Produkte, die wir in Behältern mit Vakuumpumpe bekommen, lassen sich zu nahezu 100 % verbrauchen, ganz ohne drastische Maßnahmen.

Nichts ist so gut, dass es nicht noch verbessert werden könnte! 

 

 

 

Autor: Christiane